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Erläuterungen zur Beendigung unseres Engagements in Turuçu

 

Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in Turuçu, 1999-2010

 

Mehr als zehn Jahre lang, von 1999 - 2010 arbeitete unser Verein gemeinsam mit Elsa Timm und der Stadtverwaltung von Turuçu daran, die Ärmsten der Armen von Turuçu zu unterstützen. Die konstruktive Zusammenarbeit auch mit der Bürgermeisterin Selmira hat ihren Teil zum großen Erfolg der Projekte (über die in nationalen Zeitungen und Fernsehsendern berichtet wurde) beigetragen.

In dieser Zeit wurden erstaunliche und nachhaltige Veränderungen erreicht. Viele Kinder, Jugendliche und ihre Familien konnten mit unserer und Ihrer Unterstützung dem Teufelskreis der Armut entkommen.

Elsa Timm konzeptionierte und leitete die Projekte vor Ort, zunächst in ihrer Funktion als Leiterin des Gesundheitsamtes, später dann als hauptberufliche Projektleiterin.

In enger Zusammenarbeit mit dem Walldorfer Verein wurden nach und nach Projekte aufgebaut, um die notleidende Bevölkerung zu unterstützen und vor allem, um den Kindern und Jugendlichen eine Perspektive zu ermöglichen.

 

Diese Projekte waren – wie alle Projekte, die der Verein Hilfe zur Selbsthilfe fördert – darauf angelegt, 2-3 Jahre lang aus Walldorf unterstützt zu werden und dann an Turuçu übergeben zu werden, eben „Hilfe zur Selbsthilfe“

Mit der Zeit wurden immer mehr Projekte entwickelt, die Hand in Hand gingen und sich gegenseitig ergänzten:

 

  • Eine Schreinerei und eine Bäckerei für Jugendliche ohne berufliche Perspektive und für körperlich und/oder psychisch behinderte Menschen

  • Eine Baumschule, in der mit Hilfe von Mitarbeitern, die sonst keine Einkommensquellen gehabt hätten,Urwaldsetzlinge gezogen und verkauft wurden, ebenso wurde Obst und Gemüse angebaut

  • Ein Mädchenprojekt, das speziell den von Teenagerschwangerschaft bedrohten Mädchen Freizeitaktivitäten, aber auch Ausbildung am PC bietet

  • Eine Kleiderstube, in der wohlhabendere Mitbürger ihre gebrauchten Kleider abgeben konnten, die von Mitarbeitern gewaschen, gebügelt, geflickt und schließlich sehr günstig verkauft wurden. Die Kleiderstube entwickelte sich zu einem Begegnungsort der Ärmsten, die nun endlich eigene Kleidung aussuchen und selbst kaufen konnten. Ein ganz anderes Lebensgefühl, als Almosen entgegenzunehmen

  • Eine Musikkapelle und Tanzgruppe: Drogenkonsum und Teenagerschwangerschaften sind weit verbreitet in Turuçu - unter anderem, weil es gar keine Freizeitbeschäftigungen gibt. Die Musikkapelle bietet Jugendlichen eine Beschäftigung, die anspruchsvoll ist, ihr Selbstwertgefühl hebt (Musik ist in Brasilien sehr wichtig) und einzelnen Bandmitgliedern sogar zu professionellen Musikerlaufbahnen verholfen hat

  • Das Kinderhaus: Eine Einrichtung, die einerseits Kindern aus desolaten Verhältnissen ein Zuhause bietet, bis sie eine Pflegefamilie gefunden haben. Andererseits eine Tagesstätte, die den vielen bedürftigen Kindern pädagogisch sinnvolle Betreuung und regelmäßige Mahlzeiten bietet. Außerdem können durch die gesicherte Betreuung ihrer Kinder die Eltern, die oft noch sehr jung sind, zur Schule gehen oder eine Berufsausbildung machen

  • ASEMA: Ein Hort für Jugendliche, die hier nach und vor der Schule betreut werden und regelmäßige warme Mahlzeiten bekommen

 

Alle diese Projekte wurden abgeschlossen und von der Bürgermeisterin Selmira lange Jahre sehr erfolgreich geführt, alle trugen sich selbst. Keines dieser Projekte benötigte zum Ende der Amtszeit der Bürgermeisterin, Ende 2008, noch Hilfe aus Walldorf.

Zusätzlich wurde ein Patenschaftsprojekt aufgebaut, in dem schließlich 73 Kinder und ihre Familien regelmäßig unterstützt und betreut wurden. Dieses Projekt wurde regelmäßig von Pateneltern in Walldorf und andernorts finanziert.

 


Zu Beginn der Amtszeit des neuen Bürgermeisters im Januar 2009 befürchtete Elsa schon, dass es schwierig werden könnte. Denn er gehört einer anderen Partei als die frühere Bürgermeisterin an und hatte entgegen der vorherigen Vereinbarung fast alle Mitarbeiter entlassen, die die Projekte kannten. Und er hatte Leute eingestellt, die ihm politisch nahe standen, sich aber nicht mit solchen Projekten auskennen.

 

Anfang 2009 gab es dann noch zusätzlich ein großes Unglück, eine Überschwemmung, die gerade die Ärmsten sehr hart traf, viele verloren über Nacht Hab und Gut.

Die Projekte stockten dennoch, nichts lief so richtig, aber es schien auch viele Gründe dafür zu geben: Der Bürgermeister war unerfahren, die Naturkatastrophe forderte seinen Einsatz etc. Immerhin: Die Patenkinder bekamen immer ihre Unterstützung, dafür sorgte Elsa.
 

Nach einigen Monaten wurde unübersehbar, was wir zuvor nicht so recht hatten wahr haben wollten: Elsa wurde tatsächlich vom Bürgermeister aktiv in ihrer Arbeit behindert und  die Projekte wurden nicht oder nur in Minimalbesetzung weiter geführt.  Damals entschloss ich mich, nach Turuçu zu fliegen und mit dem Bürgermeister zu sprechen. Wir führten lange, scheinbar gute Gespräche. Erhielten das Versprechen, nun von ihm unterstützt zu werden. Zunächst schien er auch Wort zu halten.

Dann aber erhielt Elsa Timm im Februar 2010 völlig unvorbereitet und ohne ersichtlichen Anlass ihre Kündigung. Der Bürgermeister weigerte sich, mit ihr zu sprechen, sie wartete stundenlang umsonst vor seiner Tür. Das Telefon nahm er nicht ab.


Die Fragen, die sich nun für uns stellten:

  • Wie geht es weiter?

  • Was ist mit den Projekten?

  • Was mit den Patenkindern?


Glücklicherweise stand sowieso eine lang geplante Reise von Elsa nach Deutschland vor der Tür, so dass wir uns im Mai 2010 zusammensetzen und überlegen konnten.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse unserer Gespräche

 

Die Projekte: Sie liegen in der Verantwortung der Stadt Turuçu. Hier können und wollen wir uns nicht weiter engagieren. Die Projekte haben vielen Menschen über lange Jahre geholfen und wurden schon lange an Turuçu übergeben, sie gehören damit auch rechtlich der Stadt Turuçu und entziehen sich unserem Einflussbereich.

 

Die Patenkinder: Unser Patenschaftskonzept sah immer vor, dass jedes Kind nur bis zum Schuleintritt oder 7. Lebensjahr gefördert wurde. Denn dann erhalten die Kinder in Brasilien eine Mahlzeit in der Schule und die sensibelste Entwicklungsphase ist überstanden. Das heißt, dass in den nächsten Jahren nach und nach die bisher betreuten Kinder aus dem Projekt ausscheiden werden, zum Ende der Amtszeit des Bürgermeister werden regulär nur noch 12 "unserer" Kinder im Programm sein. Viele sind aber bereits ausgeschieden oder werden demnächst ausscheiden, weil in den letzten beiden Jahren immer mehr Familien wegziehen. Denn in Turuçu gibt es seit der Schließung der örtlichen Lederfabrik 2008 keine Arbeit mehr außerhalb unserer Projekte und gelegentlicher Erntehelferarbeiten.

 

Dennoch die Frage: Was wird aus "unseren" in Turuçu verbleibenden Patenkindern?

Leider ist es so, dass wir tatsächlich keinen direkten Einfluss mehr darauf haben. Allerdings konnte Elsa Timm sehr überzeugend darstellen, dass der Bürgermeister seit Beginn seiner Amtszeit aus den gut laufenden Projekten (z.B. der Schreinerei) genug Geld zurückgelegt hat, um alle Patenkinder für die nächsten drei Jahre, also bis zum Ende seiner Amtszeit, zu unterstützen. Das wissen auch die Eltern der Patenkinder und sie werden auf die ihnen zustehende Unterstützung bestehen. Außerdem ist dieses Geld Zweck gebunden und kann nur im Sozialbereich ausgegeben werden, was die Ansprüche der Patenfamilien zusätzlich stützt.

 

Elsa selbst ist es nicht mehr möglich, die Kinder in Turuçu zu betreuen.

Hier ist nur ein klarer Schnitt möglich, da es ihr nicht mehr erlaubt ist, sich um die Projekte und die Kinder zu kümmern. Dies fällt ihr sehr schwer, andererseits:

  • Über 10 Jahre lang hat sie und ihre Mitarbeiter den Menschen in Turuçu Vieles vermittelt und gezeigt.

  • Nun müssen und können wir hoffen, dass es gefruchtet hat und die Familien ihre Kinder anders behandeln, zur Schule schicken und besser ernähren (oft gar keine/nicht nur eine Frage des Geldes, sondern des Wissens).

  • Viele der gut geschulten Mitarbeiter von Elsa sind noch in Turuçu und haben ihr versichert, alles in ihrem Sinne weiter zu führen.

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Elsa Timm wird ihre Arbeit an ihrem Wohnort Sao Lourenço mit einem eigenen Verein "Sementes da Esperança" ("Samen der Hoffnung") fortführen, genaueres hierzu erfahren Sie bald möglichst. In São Lourenço gibt es sogar noch mehr hungernde Kinder, als vor zehn Jahren in Turuçu. Bisher hatten sie gar keine Hoffnung auf ein besseres Leben.

Wir sind uns sicher, dass Elsa Timm wieder ein segensreiches Projekt aufbauen wird und wir hoffen natürlich, dass Sie uns auch hierbei unterstützen. Denn ohne Sie, unsere Pateneltern und Spender, können wir gar nichts bewirken.

 

 

 

 


 

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